Die Verlockung zur Dummheit im Web oder „Gefällt mir“ das wirklich?

Ich steh auf das Internet. Auf Social Media, Vernetzung aber manchmal versteh ich die Welt nicht mehr…

Aber schauen wir uns doch ein Beispiel an. Ein „Freund“ schreibt auf Facebook so sinngemäß:

„Liebe Einbrecher, falls Ihr meine Wohnung ausräumen wollt, ich bin jetzt dann eine Stunde laufen.“

Eine Bekannte von ihm antwortet mit:

„Du weisst aber eh, wenn du sowas schreibst, verlierst du deinen Versicherungsschutz.“

Worauf er antwortet:

„Nö, das ist ein Blödsinn, hab ich jetzt erst kürzlich gelesen, gilt nicht, weil zahlreiche Versicherungen auch auf Facebook sind und deshalb hab ich trotzdem Versicherungsschutz.“

Jetzt ohne den „Freund“ beleidigen zu wollen, aber wie dumm muss man sein? Mal ganz abgesehen von dem hanebüchenen Unsinn, dass nur weil ein paar Versicherungen einen Facebookaccount haben, deshalb der Versicherungsschutz bei so Dummheiten nicht aufgehoben sein soll. Schließlich muss ich meine Wohnungstür auch dann zusperren, wenn im selben Haus ein Versicherungsmakler seine Wohnung hat, oder? Aber viel wesentlicher: Egal ob der Versicherungsschutz wegfällt oder nicht, meine Wohnung ist ausgeräumt. Aber vielleicht sehe ich das auch falsch, schließlich schreibt er ja im selben Posting noch weiter:

„Ich war eh noch nicht laufen, ich schreib das immer so und geh dann erst eine Stunde später um die Leute zu verwirren.“

Klar, und meine Kohle sperr ich in meinen Safe. Den Schlüssel hab ich versteckt. Damit ich nicht vergesse wo, hab ich einen Zettel mit dem Ort auf den Safe geklebt. Und die Pin-Nummern für meine Bankomat-Karte hab ich mir mit nem Adding auf die Bankomat-Karte draufgeschrieben. Das ewige Entsperren lassen weil ich die Nummer dreimal falsch eingetippt habe ist dann schön langsam wirklich lästig geworden.

Ach der letzte Absatz war jetzt übrigens Sarkasmus. Oder sind solche Leute im wirklichen Leben auch so dämlich. Oder ist es einfach nur die scheinbare Anonymität, oder besser, die scheinbare Vertrautheit mit den „Freunden„, die das fördert. Aber wenn es nur das wäre. Erst kürzlich hat mir eine neue „Freundin“ geschrieben, wie schön das auf Facebook wäre, wie schnell und einfach man da in Kontakt mit neuen Menschen käme. Wie ehrlich und einfach man doch miteinander reden könne. Mal ganz abgesehen davon dass mich diese „Freundin“ nicht die Bohne kennt, nicht weiß, ob ich wirklich der nette Typ bin, der ich bin (bin ich der überhaupt?). Ist es wirklich so einfach? Oder sind wir wirklich so ehrlich?

Auch hier wieder ein Beispiel: Eine gute Freundin hat bisher ihren Beziehungsstatus verborgen. Dann hat sie ihn auf „kompliziert“ geändert und dann auf „Single„. Lassen wir jetzt mal aussen vor, ob sich bei ihr tatsächlich etwas geändert hat oder nicht. Tut nichts zur Sache hier. Witzigerweise haben die selben „Freunde“ in beiden Fällen auf „Gefällt mir“ geklickt. Ja was jetzt? Das ihnen das Singledasein gefällt versteh ich ja, aber warum gefällt ihnen das es kompliziert ist? Weil sie bisher befürchtet haben, sie wäre in einer Beziehung und wenns kompliziert ist wittern sie Morgenluft? Oder wird in beiden Fällen einfach nicht nachgedacht und einfach viel zu einfach auf „Gefällt mir“ geklickt, egal ob das nun wirklich gefällt oder nicht. Macht man ja auch oft im wirklichen Leben so. Einfach irgendwas sagen. Nur um des Redens willen. Im Netz geht das logischerweise noch um einiges einfacher. Schnell irgendwo hingeklickt und passt schon.

Schlimm wird es nur, wenn das dann unsere Beziehungen in der Wirklichkeit beeinträchtigt (ein anderes Beispiel zu real erlebter Beziehungsbeeinträchtigung etwas weiter unten, aber hier meine ich jetzt etwas anderes). Was ist, wenn ich die Art und Weise, wie auf Facebook kommuniziert werde zu ernst nehme.  Aufs wirkliche Leben verlagere. Mich hat kürzlich ein Typ geblockt, weil ich ihm wohl beim Anbraten von einer gemeinsamen Freundin in die Quere gekommen bin (zumindest hat er das wohl so gesehen). Und jetzt ist das natürlich durchaus möglich und auch ganz in Ordnung für mich (btw, ich hab ihn daraufhin gleich ganz rausgekickt), die Art und Weise wie es abgelaufen ist hatte aber eher was von nem Kindergarten. Du schreibst da nur Blödsinn und deshalb mag ich dich jetzt nicht mehr. Geaddet hat er mich aber irgendwann mal mit dem Spruch

He ich mag den Blödsinn den du da so rumschreibst.

Na wie jetzt. Solange es in den Kram passt ist das schon ganz in Ordnung und dann können wir auch so tun als wären wir richtige wirkliche Freunde und kaum geht es dann aber mal etwas gegen den Strich sowas?

Versteht mich nicht falsch, natürlich nehme ich reine Facebook-Freundschaften nicht für voll und ob ich jetzt 23, 140 oder 431 Freunde habe ist mir egal wie selten etwas: Aber ich habe eben den Eindruck, dass das nicht bei allen so ist. Das manche im – ich sag es jetzt mal unbestimmt – Internet mehr sehen als nur Oberflächlichkeiten.

Und bleiben wir noch beim „irgendwas sagen nur um des Redens willen“. Auch meinereiner neigt zu sinnentleerten Facebook-Statusmeldungen. Dienen aber meistens eher dem Humor als etwas anderem. Aber wie möglicherweise mein Humor nicht immer verstanden wird (ich weiß, klingt schon sehr unglaubwürdig, wirklich vorstellen kann ich mir das auch nicht, aber he, wer weiß, die Welt ist groß und die Menschen verschieden) verstehe ich ja vielleicht auch einfach nicht den Humor hinter Meldungen wie:

„Sitzung“

und ja, in den Kommentaren wird dann durchaus genau erklärt, dass es sich nicht um eine geschäftliche Sitzung handelt.

„sch…ß…!!! h…n!!! v……er!!!!! drecks facebookchat!!!!“

Klar, muss ja auch mal gesagt werden können. Witzig ist nur wenn man weiss dass der Typ einen Job sucht und auch ansonsten durch Meldungen wie

„ich sag nur das war kein schweiß sondern 100%er alkohol *ggg*“

vor Seriösität geradezu übergeht. Dass Personalabteilungen heutzutage Facebook etc. überprüfen ist ja auch ein gutgehütetes Geheimnis. Oder aber er sagt dann bei der Bewerbung, das würde nicht zählen, weil unter Umständen die Firma ja auch ein Facebook-Profil hat – siehe Versicherungen weiter oben 🙂

„meine fresse, mit XXX gestern wars aber mal so richtig gut…“

klar, kann man jetzt so oder so verstehen. Kennt man allerdings seine Frau, die nicht XXX heisst, ebenfalls mit ihm auf Facebook befreundet ist (die Freundschaftsanfrage der eigenen Frau abzulehnen kommt vielleicht nicht ganz so gut) und witzigerweise kurz darauf nicht mehr den Beziehungsstatus „verheiratet“ hatte, kann man das ganze auch ganz anders verstehen…

Oder noch ein anderer Fall, dieses Mal eher von kollektiver Lemminge-Dummheit. Ein Freund gratuliert per Facebook einer Freundin zum Geburtstag, inkl. Hinweis

sorry für den Tag zu früh, aber morgen hab ich leider keine Zeit

. Den Hinweis haben wohl nicht alle gelesen, denn innerhalb kürzester Zeit gratulieren zig andere. Einige dann sogar schon mit dem Text „komisch, im Kalender hab ichs erst für morgen eingetragen, hab ich mich wohl vertippt damals…“. Klar, kann schon mal vorkommen. Und wenn alle schon heute gratulieren, wird es schon stimmen. Lesen muss man ja nicht. Könnte man zwar, aber noch schnell auf „Gefällt mir“ geklickt und dann passt das schon.

Was das ganze jetzt soll? Nun, bei all den Vorteilen und Verlockungen und Möglichkeiten, die das Web heutzutage anbietet, mitdenken sollte man immer noch selbst. Es gibt auf Facebook ganz brauchbare Möglichkeiten, seine Privatsphäre so zu schützen, damit nicht alle alles sehen. Ich kann, bevor ich einen Status setze, immer noch kurz überlegen, ob ich mit dem Status so jetzt leben kann. Und morgen vielleicht auch noch. Was in 10 Jahren ist weiß doch heute noch kein Mensch. Aber ich nehme mal stark an, nachdem mir Schokopudding vor 10 Jahren geschmeckt hat und heute auch noch schmeckt, werden die Dinge, mit denen ich heute Leben kann, ähnlich denen sein, mit denen ich in 10 Jahren leben kann. Sogesehen…

Ach nur zur Erklärung, warum manche meiner Freunde Freunde mit Anführungszeichen sind und manche ohne… die mit Anführungszeichen kenn ich nicht wirklich persönlich (und sind deshalb zB bei mir auf Facebook auf einem ganz anderen Privacy-Status gesetzt als meine richtigen).

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